Wenn die Wissenschaft kein Wissen schafft

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Spiegel & Heise melden: Unter dem Titel "Schüchterne Offenbarungen im Internet - Psychologische Studie zeigt: Besitzer privater Webseiten sind im Durchschnitt eher introvertiert" wurde von der TU-Chemnitz eine Studie über das psychologische Profil von Besitzern persönlicher Homepages veröffentlicht. Fazit der Studie: Ich bin schüchtern, introvertiert, habe keine Kompetenzen in der "Face-to-Face"-Kommunikation und kann keine Kritik ab. Letzteres will ich gleich mal beweisen und nebenbei die Studie zerpflücken :-)


Eine Studie die noch nicht einmal 300 (wie ausgesucht bleibt bislang unveröffentlicht) Homepagebesitzer befragt hat, kann bei einer Unzahl von privaten Homepages kaum repräsentativ sein. Allein dmoz.org kennt in dieser Kategorie über 8000 persönliche Homepages, mal abgesehen von den unzähligen nicht bei dmoz.org angemeldeten Seiten und den rund 7500 deutschen Weblogs. Eine Aussage über die Größe und Auswahl der Kontrollgruppe kann der Studie bislang auch nicht entnommen werden.

Zitat Prof. Dr. Astrid Schütz. "Es ist daher zu vermuten, dass die eigene Webseite für einen Teil der Homepage-Besitzer als Ersatz für Kompetenzen in direkten Kontakten und für die Face-to-Face- Kommunikation dient."

Im Widerspruch zum Titel "...Studie zeigt..." wird dann auch nur noch für einen Teil( wieviel? 50%? 1%?) der Gruppe "vermutet". Auf die eventuell besseren Fähigkeiten bezüglich der Face-to-n*Face-Kommunikation wird nicht eingegangen.

Zitat Prof. Dr. Astrid Schütz: "Die Mehrheit der Homepage-Besitzer will sich authentisch darstellen, aber natürlich nicht von der schlechtesten Seite. Also greifen sie häufig auf Fotos zurück, die sie als besonders gelungen empfinden. Inhalte werden stark selektiv und kontrolliert ausgewählt und publiziert."

Ach nee - Frau Schütz erscheint sicher auch nicht ungewaschen im Pyjama zum Presse-Fototermin um sich authentisch ablichten zu lassen. So könnte man auch behaupten: Stellensuchende haben Kontaktdefizite, weil sie sich in ihrer Bewerbung postiv darstellen. Die Realität sieht doch ganz anders aus: auf vielen privaten Homepages findet man - im Gegensatz zu der Hochglanzwelt des restlichen Netzes - sehr lustige & alberne Fotos (die manchmal keinen allzu positiven Eindruck hinterlassen)

Zitat Diplom-Psychologe Franz Machilek "Vor allem sollen die Computerkenntnisse verbessert und die eigene Kreativität ausgelebt werden."

Kreativität ist also ein Ausdruck fehlender Kommunikationskompetenz? soso...

"Unter den Berufsgruppen liegen die Angestellten und Studierenden mit 33 bzw. 21 Prozent ganz vorn"

das wären nach Adam Riese 54%. Bleiben 46% für Beamte, Arbeiter, Selbsständige, Rentner und Erwerbslose übrig. Das deckt sich nach kurzem Überschlagen ungefähr mit den demografischen Daten in der BRD lebenden Bevölkerung.

Rund 70% der Befragten hatten Abitur oder einen Hochschulabschluß. Mal abgesehen von der zweifelhaften Repräsentanz der Personen: Eine gewisse Intelligenz ist eben zum erstellen einer Homepage schon notwendig: Bilder bearbeiten/umwandeln, Account verwalten, Texte schreiben, HMTL/Javascript lernen. Lässt man also mal die Personen weg, die schlichtweg zu doof dafür sind *scr* und berücksichtigt man den demografischen Abiturientenquotienten von rund 21% (Bevölkerung insgesamt) oder den aktuellen Abiturientenquotienten von fast 40% (einige Bundesländer auch fast 50%) erscheint auch diese Zahl nicht weiter verwunderlich.


Der Umkehrschluß würde ja auch widerum bedeuten: Bildung macht introvertiert, weil man sich nicht mit jedem Volltrottel Mitmenschen unterhalten will, was ich für meinen Teil jedenfalls bestätigen kann ;-P Insofern ist wenigstens ein Quentchen Wahrheit in der Studie.

ein paar Richtigstellungen

Als Erstautor der Studie möchte ich zu ein paar Punkten Stellung nehmen - gleichzeitig und vorab: halte ich eine kritische Diskussion von Forschung und Ergebnissen für richtig und auch wünschenswert. So.
Der Satz "Eine Studie die noch nicht einmal 300 (wie ausgesucht bleibt bislang unveröffentlicht) Homepagebesitzer befragt hat, kann bei einer Unzahl von privaten Homepages kaum repräsentativ sein." enthält einige Fehler, oder anders: ist falsch:
publiziert ist in mehreren Artikeln das Vorgehen der Stichprobenziehung. Verschiendene Menschen haben mich angeschrieben und ich habe ihnen die Studie/n zugeschickt. Für diejenigen, die daran Interesse hatten und eine differenzierte Sicht wollten, gab es also alle Möglichkeiten.
Wir arbeiten im Rahmen der Sozialwissenschaften, also u.a. mit Stichproben. Der kausale Schluss "kann bei einer Unzahl .... nicht repräsentativ sein". Na ja, so arbeitet man eben. Beispiel Umfragen zu wahlen: 1000 oder so Menschen werden per Zufallsverfahren befragt. 1000 von rund 60 Millionen Wahlberechtigen, beispielsweise. . Hier wäre also das Missverhältnis viel krasser als bei uns. (und Wahlergebnisse können manchmal mit einer erstaunlichen Präzision vorhergesagt werden, oder?)
Insgesamt liegt bei dem Beitrag von Robman ein Missverständnis vor: bei den Pressemitteilungen handelt es sich ja nicht um publizierte Artikel, sondern eben um Pressemitteilungen, und nicht um die publizierten Originalartikel. Auf die wird aber immer hingewiesen, auch waren meine Kontaktdaten fast immer angegeben, wer wollte konnte das nutzen.
vom methodischen Vorgehen: haben wir sogenannten Mittelwertsvergleiche gemacht: Die Persönlichkeitsmerkmale der HP-Besitzer mit Vergleichsgruppen (sog. Normstichproben) in Beziehung gesetzt. Und da kommt eben raus, dass HPler im _Durchschnitt_ eher introvertiert sind, nicht narzisstischer sind, und sozial ängstlicher. Solche Mittelwertsstudien bedeuten auch: dass die Werte für ein einzelnes Individuum nicht zutreffen müssen, was sie oft auch nicht tun. und natürlich gibt es HPler, die besonders extravertiert sind, und überhaupt nicht sozial ängstlich. Es sind eben Durchschnittswerte - was anderes haben wir auch nie behauptet.
Ein Ergebnis unserer Befragung ist: neben sozial bezogenen Motiven (z.B. mit anderen interagieren) spielen eben selbst-bezogene Motive eine mindestens gleichwertige Rolle (z.B. KReativität ausleben, Computerkenntnisse verbessern). Wir haben bei den HPlern 24 mögliche Ziele erfragt, auch hier: beschreiben diese Menschen selbst, was ihnen wichtig und weniger wichtig ist.
Der Satz von robman "Kreativität ist also ein Ausdruck fehlender Kommunikationskompetenz? soso..." ist schlichtweg unfug, weil robman hier einen kausalen Schluss macht, den unsere Daten nicht hergeben. Robman begibt sich hier auf ein reißerisches Niveua, wie es auch bswp. Spiegel online in seinem Artikel getan hat.
Wir haben uns dem Forschungsgegenstand "private Homepage" vorurteilsfrei genähert. Es ging und geht darum, die Chancen des relativ neuen Mediums für jeden Einzelnen zu beschreiben. Wenn beispielsweise ein in sozialen Kontakten schüchterner Mensch durch positive Rückmeldungen zu seiner Homepage selbstsicherer wird, dann ist viel gewonnen, und durch die medienspezifischen Möglichkeiten Neues entstanden.
Neben unseren deskriptiven Ergebnissen arbeiten wir noch an einer Vielzahl anderer Aspekte.
Und hier steige ich aus. Wer Lust hat, kann ja jetzt kritisch weiterdiskutieren, vielleicht in einer etwas konstruktiveren Art als das passiert ist.
Herzliche Grüße, Franz Machilek

Angebissen

Als Erstautor der Kritik möchte auch ich zu ein Paar Punkten des Kommentars Stellung nehmen:

Der Satz "Eine Studie die noch nicht einmal 300 (wie ausgesucht bleibt bislang unveröffentlicht) Homepagebesitzer befragt hat, kann bei einer Unzahl von privaten Homepages kaum repräsentativ sein." enthält einige Fehler, oder anders: ist falsch:
publiziert ist in mehreren Artikeln das Vorgehen der Stichprobenziehung. Verschiendene Menschen haben mich angeschrieben und ich habe ihnen die Studie/n zugeschickt. Für diejenigen, die daran Interesse hatten und eine differenzierte Sicht wollten, gab es also alle Möglichkeiten.

Lost In Formation reflektiert auf ironische & satirische Art Meldungen aus den Medien. Mein Postings bezieht sich auf die entsprechende Pressemeldung und die daraus hervorgehenden Informationen.

Wir arbeiten im Rahmen der Sozialwissenschaften, also u.a. mit Stichproben. Der kausale Schluss "kann bei einer Unzahl .... nicht repräsentativ sein". Na ja, so arbeitet man eben.

Na, dass hört sich ja schon etwas gefrustet an: "Na ja, so arbeitet man eben" könnte auch das Motte der internationalen Dilettanten & Pfuscher-Gilde sein *eg*, womit ich dieses dem Author nicht unterstellen will.

Beispiel Umfragen zu wahlen: 1000 oder so Menschen werden per Zufallsverfahren befragt. 1000 von rund 60 Millionen Wahlberechtigen, beispielsweise. . Hier wäre also das Missverhältnis viel krasser als bei uns. (und Wahlergebnisse können manchmal mit einer erstaunlichen Präzision vorhergesagt werden, oder?)

Die Befragung von 1000 randomisierten Personen bezüglich der getroffenen Entscheidung bei vorgegebenen 5-6 Auswahlmöglichkeiten (die "Sonstige"-Parteien mal weggelassen) mag repäsentativ sein. Würde man diese 1000 aber nach komplexeren, und eventuell nicht vorgegebenen Sachverhalten befragen wäre dies nicht mehr repräsentativ. Kleines Beispiel: Die Erhebung von 1000 Geburtsdaten wäre sich nicht repräsentativ für die Geburtstagsverteilung der Bevölkerung.

Insgesamt liegt bei dem Beitrag von Robman ein Missverständnis vor: bei den Pressemitteilungen handelt es sich ja nicht um publizierte Artikel, sondern eben um Pressemitteilungen, und nicht um die publizierten Originalartikel. Auf die wird aber immer hingewiesen, auch waren meine Kontaktdaten fast immer angegeben, wer wollte konnte das nutzen.

s.o. Das ist auch keine Entschuldigung. So sollte man eben seine Pressemitteilung so formulieren, dass sie auch der Exaktheit der Studie entspricht. Aber offensichtlich müssen mittlerweile auch Wissenschaftler die Waffen des aufmerksamkeitsökonomischen Krieges einsetzen um an Gelder zu kommen.

Was mich am ehesten stört sind banale Ausagen wie

"Also greifen sie häufig auf Fotos zurück, die sie als besonders gelungen empfinden. Inhalte werden stark selektiv und kontrolliert ausgewählt und publiziert"

Von einer Professorin erwarte ich bei einem von Steuergeldern finanzierten Gehalt von >3000 € eigentlich etwas profundere Statements.

Der Satz von robman "Kreativität ist also ein Ausdruck fehlender Kommunikationskompetenz? soso..." ist schlichtweg unfug, weil robman hier einen kausalen Schluss macht, den unsere Daten nicht hergeben. Robman begibt sich hier auf ein reißerisches Niveua, wie es auch bswp. Spiegel online in seinem Artikel getan hat.

stimmt :-) Ich bin aber kein Wissenschaftler und darf auch reisserische satirische Stilmittel einsetzen um zu provozieren. QED

Es ging und geht darum, die Chancen des relativ neuen Mediums für jeden Einzelnen zu beschreiben.

Neu? uh! also der Vorläufer von Koepf.de ging 1996 an den Start und war damals auch nicht "neu". Ich weiss ja nicht, wann die Sozialwissenschaft Kenntniss von der Existenz des Internets erlangt hat, aber für die Geeks&Nerds unter uns sind Homepages ein alter Hut.

Wer Lust hat, kann ja jetzt kritisch weiterdiskutieren, vielleicht in einer etwas konstruktiveren Art als das passiert ist.

Jeder kriegt eben die Kritik die seiner Pressemeldung angemessen ist.

Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast.

in diesem sinne,
robman

Robman

Hey Robman,
Du bist ja ein totaler Penner, der keine Ahnung von psychologischer bzw. sozialwissenschaftler Forschung hat !!!

Anon

Hey Feigling,
für's bloggen reicht's gerade noch.

Hier mehr dazu.

Mathias

Warum fühlt ihr euch durch diese Studie alle so angegriffen, dass ihr euch gezwungen fühlt, Gedankenergüsse die teilweise unter die Gürtellinie gehen, öffentlich auszulassen?
Die Wissenschaftler wollen euch nicht persönlich angreifen, nur weil ihr eine eigene Homepage habt! Sie sind halt zu diesem Schluss gekommen, und ich schätze Sie haben sich Mühe gegeben und es nach wissenschaftlichen Kriterien erstellt! Glaubt Ihr tatsächlich, dass Ihr als Laie auf dem Gebiet beurteilen könnt (siehe Kritikpunkte), ob die Studie Schwachsinn ist oder net?

Ich habe auch eine HP, - und fühle mich nicht so angepisst :-)

greets @ mathias

Du "schätzt" dies aber auch

Du "schätzt" dies aber auch nur, was nicht gerade wissenschaftlich ist.

Zudem waren es Leute von der Uni Chemnitz, die hier unter der Gürtellinie agieren.

Tut mir Leid, wenn dir meine Kritik an dieser Studie nicht passt, aber ich hatte lange genug EInblick in das "wissenschaftliche Arbeiten", dass ich weiss wie skeptisch man gegenüber Studien sein sollte.